Oma
Es ist echt komisch. Man weiss, dass wer sterben wird. Und du wünscht es der Person auch eigentlich. Aber trotzdem zerreißt es dir das Herz, wenn es dann so weit ist.
Ich war in der Arbeit, als ich es erfahren hab. Und fragte, ob ich heimgehen könnte, um bei Mama zu sein.
Meine Kollegin sagte: Ui, aber wenigstens hat sie ihr Leben gelebt, nicht wie XY, der vor ein paar Tagen mit 50 gestorben ist. Das ist so richtig schlimm.
Und dann: Ach, Stitch-Sachen sind in Aktion! Da wird sich meine Kleine freuen.
Also ein bisschen mehr Wertschätzung hätte ich mir schon erwartet. Aber klar, nicht von der Person.
Das ist sowieso ein Satz, den ich hasse.
Ach, sie war 90? Dann ist es ja ok. Dann war es ja abzusehen.
Dass es trotzdem um ein wichtiges Familienmitglied geht, an das denken die wenigsten, wenn sie so einen Satz raushauen. Da kommt dann bei mir das Gefühl hoch, zu sensibel zu sein. Sie hatte ihr Leben, also reiss dich zusammen! Warum bist du traurig, du wusstest doch, dass sie bald stirbt?
Das macht keiner absichtlich, und mir selbst ist der Satz sicher auch schon mal rausgerutscht.
Meine Mama reagiert so wie ich es erwartet hatte. Dass wir keine Traurigkeit voreinander zeigen, ist mir schon als Kind eingebläut worden. Von Trost durch Umarmungen oder Zusammensitzen brauch ich gar nicht sprechen. Kenn ich nicht.
Wenn du weinst, dann allein. Wenn du traurig bist, dann so, dass du niemand anderen damit störst. Wenn du beim Begräbnis weinst, dann so, dass es ja keiner mitkriegt, auch nicht dein Sitznachbar.
Meine Mama lässt ihre Gefühle anders raus. Sie ist wütend. Sehr sehr wütend. Auf alles und jeden. Und das bekommt jeder ab, am meisten halt ich, schwarzes Schaf und so.
Aber das darf sie jetzt. Denn heute ist sie auch nur ein Kind, dass ihre Mama verloren hat.
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