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Charakterzüge

Ich bin fix kein toller Mensch. Ich habe meine Fehler, aber bei manchen Charakterzügen anderer denk ich mir oft, ach, so schlecht bin ich gar net.  Wenn jemand nicht grüssen kann, kein Bitte und Danke sagt, das Reinigungspersonal oder die Kassierer nicht beachtet, die Tür für andere nicht offenlässt, dann ist derjenige schon mal draussen.  "Arschkreun" - sorry für den Ausdruck- find ich auch ganz ganz ganz schlimm.  Was ich auch nicht mag, ist, wenn man sich besser darstellt als man ist.  Wenn man für die kleinsten Dinge, die nicht mal der Rede wert sind, prahlt und sich Lob erwartet. Kotzwürg. Oder das beste: Wenn man sich Sachen, die andere gemacht haben, selbst zuschreibt. Nur die guten natürlich. Die schlechten werden dann natürlich an den anderen geschoben. Igittig. Die vergessen anscheinend immer, dass die Wahrheit immer rauskommt. Und diese unglaublich ungute Eigenschaft, wenn man seine Geschichte immer in den Vordergrund drängen muss.  Es erzählt jemand ...

Weinen

Ich bin so komisch.  Ich geb gern zu wenn ich geweint habe. Zum Beispiel wissen meine Kollegen, dass ich einen Heulplatz hinter den Düsseldorfern im Lager hatte. Das hab ich schon lange aufgegeben,  aber ich erzähle es so, als wär es was Witziges. Ich gebe zu, dass ich heule,  wenn ich traurige Katzenvideos anschaue. Wenn ich richtig schlecht drauf bin, auch bei lustigen. Das hau ich dann gern in die Runde. Auch ein bisschen,  um mich ins Lächerliche zu ziehen.  Ich weinte bei der ersten Folge der neuen Hotd- Staffel, da der Drache starb. Jace war mir egal btw.  Aber wenn ich wirklich wirklich traurig bin, dann versuche ich alles, um nicht zu weinen. Als meine Lieblingskollegin ging, hab ich mich so zusammengerissen, um nicht zu weinen.  Ich würde auch niemals, niemals, niemals zugeben, geweint zu haben, wenn jemand Nahes starb. Wenn ich an meine Oma denke und ich merke, dass mir die Tränen kommen, kämpfe ich dagegen an und lenke mich ab. Warum ist es ...

Oma

Es ist echt komisch. Man weiss, dass wer sterben wird. Und du wünscht es der Person auch eigentlich. Aber trotzdem zerreißt es dir das Herz, wenn es dann so weit ist. Ich war in der Arbeit, als ich es erfahren hab. Und fragte, ob ich heimgehen könnte, um bei Mama zu sein. Meine Kollegin sagte: Ui, aber wenigstens hat sie ihr Leben gelebt, nicht wie XY, der vor ein paar Tagen mit 50 gestorben ist. Das ist so richtig schlimm. Und dann: Ach, Stitch-Sachen sind in Aktion! Da wird sich meine Kleine freuen. Also ein bisschen mehr Wertschätzung hätte ich mir schon erwartet. Aber klar, nicht von der Person. Das ist sowieso ein Satz, den ich hasse.  Ach, sie war 90? Dann ist es ja ok. Dann war es ja abzusehen. Dass es trotzdem um ein wichtiges Familienmitglied geht, an das denken die wenigsten,  wenn sie so einen Satz raushauen. Da kommt dann bei mir das Gefühl hoch, zu sensibel zu sein. Sie hatte ihr Leben, also reiss dich zusammen! Warum bist du traurig, du wusstest doch, dass sie ba...

Menschenhasser

Es kann mir keiner erzählen, dass wenn du im Einzelhandel arbeitest, nicht zum Menschenhasser wirst. Jeder der sagt, dass Verkauf nicht schlimm ist, war entweder nie dort beschäftigt oder ist zu kurz dabei. Oder hacklt nicht Vollzeit dort. Der Gründe, warum ich im Verkauf bin, sind ganz einfach erklärt. Ich war zu dumm um zu studieren und zu unsportlich für die Polizei.  Achja. Und zu arm um mir eine Umschulung leisten zu können.  Menschen hast überall, das is eh klar.  Aber dieses, sorry für den Ausdruck,  "in den Allerwertesten einekreun " musst nur im Verkauf oder als Versicherer. Ich hab viele Kollegen, die ich echt lieb habe (DEFINITIV NICHT ALLE), aber das ist schon der einzige Grund, um sich grade auf die Arbeit zu freuen.  Warum ich heute zB von Kunden angefahren wurde. Weil die Lieferung zu spät kam und ich um 7.20 noch keine Gurken hatte. Dass das Einkaufen keinen Spass mache, da meine Kollegin und ich jeweils mit Paletten Ware verräumt haben. (7.30) D...

Teamwork

Also ich hab echt das beste Team überhaupt.  Da können wir noch so viel streiten. Und uns gegenseitig ziemlich hassen manchmal. Aber wenns hart auf hart kommt, halten wir zusammen.  Wir haben am Samstag einen Brandgeruch wahrgenommen in der Filiale.  Kabel abgebrannt. Also schnell mal zusperren,  Tiefkühlung und Kühlung ausräumen. 21 Paletten Kühlung, 16 Paletten Tiefkühlung. Da kommt dir das Heulen. Heute haben wir dann wieder eingeräumt.  5 Stunden lang.  Und alles ist ohne grossen Streit oder Stress über die Bühne gegangen. Aber uns tut alles weh. Und zwar doppelt und dreifach.  Und das machen nicht nur so junge wie ich, sondern ich hab auch Mitarbeiter um die 50. Und die arbeiten genauso wie die Jüngeren. An solchen Tagen merk ich dann, wie gut wir als Team funktionieren.  Aber ganz ehrlich,  wenn das nächste Kabel abbrennt,  möchte ich bitte im Urlaub sein. Weit weg.

Überreizt

Also wenn es einen Wettkampf der Überreizung gäbe, ich würde gewinnen. Und zwar haushoch. Ich habe gerade einen Wutausbruch gehabt. Weil eine Fliege von draussen seit zehn Minuten gegen mein geschlossenes Fenster fliegt. Immer wieder. Duk-duk-duk. Ich bin komplett durchgedreht. Furie like a pro. "Gaches Häferl" , den Ausdruck hab ich von der Arbeit. Und der beschreibt mich ziemlich gut. Jähzornig, unbeherrscht, aufbrausend. Seit einigen Wochen bin ich wieder (oder noch immer?) in einer Phase, wo ich wegen jedem kleinen Ding auszucken könnte. Der Autofahrer vor mir fährt gemächlich seinen 70er ohne Überholmöglichkeit? Ein Grund zum Weinen. Vor Wut. Mir fällt was runter? Ich könnte durchdrehen und mich selbst bestrafen. Vor Wut. Es ist Werbung im Radio? Ich hau aufs Lenkrad. Vor Wut.  Mich geht ein Kunde an? Am liebsten würde ich mich auf ihn schmeißen und ihm wehtun. Vor Wut.  Ich hab mir früher dann oft in die Hand gebissen. Kurz und sehr fest. Das hat meist  geholfen. Je...

Schwestern

Ich habe gerade das schönste Buch überhaupt gelesen. Nicht wegen dem Schreibstil oder wegen der spannenden Geschichte. Sondern weil die Protagonistinnen haargenau so sind wie meine Schwester und ich. Das Buch heisst Unser Sommer endet nie. Zwei Schwestern in ihren 30- 40ern verbringen eine Woche in dem Haus ihrer verstorbenen Großmutter. Die Mutter war Alkoholikerin und cholerisch. Bei uns ist halt der Vater Alkoholiker und die Mutter etwas herrschsüchtig😂 Die ältere Schwester ist genau, hat ihre eigene Familie und ihr Leben im Griff. Die Jüngere ist chaotisch, bipolar, leidet unter Depressionen und wollte sich ein paar Mal das Leben nehmen. Wer bin wohl ich in dieser Geschichte? Haha Und keine versteht die andere so recht, obwohl sie sich lieben. Und dieses Buch zeigt beide Seiten, aus der Sicht der jeweiligen Schwester, mit all den Zweifeln und Fragen und der Ratlosigkeit bis hin zum Neid. Ich liebe es. Und ich weinte wie ein Schlosshund. Es zeigt so sanft und leise, wie jede der Sc...