Trockene Geheimnisse
Ich finde es ja immer superschlimm, wenn du trocken wirst und nach Gleichgesinnten suchst, und die dir dann einreden dass das Leben ja um so vieles schöner ist ohne Alkohol. Also bei mir wars das erste Jahr definitiv nicht so.
Und auch das zweite hat hin und wieder an mir genagt.
Du warst ja auch süchtig, und der Stoff geht dir natürlich ab.
Ich vergleichs gern mit einem langjährigen Beziehungsende.
Du willst allen zeigen, dass es auch ohne diese Person geht, aber innerlich bist du kaputt und denkst bei jeder vertrauten Situation an den Ex (Alk) zurück.
Jetzt nach fast zwei Jahren kann ich sagen, dass es leichter wird. Aber so wirklich toll gehts mir ohne Alkohol auch nicht 😂 Am Wochenende zum Beispiel ging es mir so elend, dass ich am liebsten schwupps gegangen wär. Oder einen Totalsuff gehabt hätte und dann Jesus die Hand gegeben hätte.
Aber an dem arbeite ich ja.
Das Beste am Trockensein ist halt das Körperliche. Dein Gesicht ist nicht mehr aufgeschwemmt, du verlierst vielleicht etliches an Gewicht, keine trockenen Lippen und gelbe Augen mehr. Und du ZITTERST NICHT MEHR. Keine Schmerzen. Herrlich.
Aber du hast einige erste Male zu bewältigen. Bei mir wars ja extrem, ich hatte jede einzelne Sekunde als erstes Mal, da ich ja dauerhaft betrunken war 24/7.
Erstes Weihnachten, erstes Silvester, erste Beerdigung, erstes Date, erste Menschenansammlung, erste Party. Alles ohne deinen besten Freund. Das ist anstrengend. Nach dem ersten Jahr wars bei mir besser, da ich ja dann schon mal nüchtern in der Situation war und wusste, dass ich das schaffe.
Ausserdem verlangt dein Körper trotzdem noch nach Dopamin, und du wirst ziemlich fix ein anderes Mittel finden, dass dir das beschert. Bei mir ist es Shoppen und Süsses. Achja, und Zigaretten. (Wenn möglich, nicht nachmachen)
Ich fand es auch superschwierig, dass der Tag jetzt so viele Stunden hatte! Ohne komatöse Vollrauschschläfchen oder Blackouts hab ich mir oft gedacht: Bitteeee, lass es endlich Abend werden! Gewöhnungssache.
Und was auch nie aufhört - du wirst dich bis zu einem gewissen Maß immer noch rechtfertigen müssen, auch nach langer Abstinenz. Meine Mama trinkt zum Beispiel gerne ein Bier. Sie sagt dann immer: Stört dich eh nicht oder? Bier hast ja nie getrunken.
Sie versteht es nicht, dass es nicht um den Geschmack geht (sonst hätt ich fix kein Desinfektionsmittel getrunken), und dass ich öfters noch an Guster auf Alkohol hab, checkt sie überhaupt nicht. Denn ich wär ja "exorziert vom Dämon". Aber das ist klar und solche Menschen werden immer kommen, denn wie bitte sollst du einem Nicht-Süchtigen erklären, wie es ist, süchtig zu sein? Das ist absolut unmöglich, es kann sich keiner vorstellen, wie sehr man sich nach so einem Gesöff verzehren kann.
Also, Trockenheit ist echt scheisse. Bei dem bleib ich 😂 aber aktive Alkoholsucht ist um einiges schlimmer.
Vielleicht kann ich ja nächstes Jahr endlich sagen, dass es toll ist, nüchtern zu sein.
Drückt mir die Daumen
Kommentare
Kommentar veröffentlichen