Therapie- die ungeschönte Wahrheit

Vor 20 Jahren war Therapie noch kein Ding. Und wenn du doch gegangen bist, hast du es verschwiegen.  Jetzt, auch dank TikTok und Co, kommt es einen so vor, als wäre jeder zweite in Therapie. Schamgefühl - keine Spur.
Trotzdem hat man verschiedenste Ängste, wenn mal das erste Mal jemanden gegenüber sitzt. Deshalb will ich mal meine Erfahrung mit Therapie erzählen und Vorurteile zerstreuen. Erstens Mal, ich hätte mir niemals einen Therapeuten gesucht, wenn mein Chef mich nicht dazu bewegt hätte. Am Anfang war ich so böse, aber jetzt bin ich ihm sehr dankbar dafür.
Ich suchte mir meinen Therapeuten ganz normal heutzutage im Internet raus. Ich schrieb ein paar an ( denn ich telefoniere ja nicht) und bekam ziemlich schnell eine Antwort. Und einen sehr sehr frühen Termin. Ich war fertig mit der Welt und wollte tausendmal absagen vorher. Dann geht's nicht gleich los mit der Kopfwäsche,  sondern du erzählst mal warum du eigentlich dort bist. Und bekommst erklärt, wie die Therapie beim jeweiligen Thera abläuft. Erst dann am Ende entscheidet ihr, ob das mit euch zusammenpasst. Auch der Therapeut kann Nein sagen, wenn er zum Beispiel mit dem Thema überfordert wär oder auf andere Dinge spezialisiert wäre. 

Ich glaub meine grösste Angst vor der Therapie war, dass man glaubt, dass meine Probleme nicht gross genug wären und ich nur mimimi mache und der Thera mich nicht ernst nimmt. Und ich dachte echt nicht, dass Therapie seeeehr anstrengend sein kann.

Obwohl ich mir seeeeehr oft wünschen würde, dass er einfach sagt: Probier das mal so, dann gehts dir fix besser. 
Das ist aber leider ein Wunschglaube.  Du musst sehr an dir selber arbeiten, wenn du dazu nicht bereit bist, kannst dir das Geld gleich sparen. Therapie wirkt auch nach. Ich bin nicht nur einmal am nächsten Tag zusammengebrochen, weil ich das dann erst realisiert habe was wir besprochen haben. Vor allem am Anfang. Ich mein, dir wird über Jaaaaahre hinweg was eingeredet wie du zu sein hast oder wie schlimm oder toll du bist. Und dann kommt einer und sagt : Nö nö, das stimmt nicht.
Das zu verinnerlichen ist wahnsinnig schwer.
Und du redest nicht nur über Probleme oder Gefühle ( Gott sei Dank) , sondern auch Erfolge oder normale Alltagsgeschichten werden besprochen. Ist auch zwischendurch gut zum Lästern 😂 Ich persönlich hab mich für einen jungen Thera entschieden, weil ich so besser reden kann, als mit einem alten Opi😂 aber ich hatte auch mal eine Frau, die war auch toll.

Und nein, du musst auf keiner Couch liegen, bist nicht mit Hirnkabel verbunden und mit einem Mann oder Frau in Weiss, die in ihr Notizbüchlein kritzeln. Du musst auch nicht hundertmal erklären, wo du dieses Gefühl spürst im Körper (blödeste Frage überhaupt für mich.) Du kannst alles reden, worüber du willst. Du kannst diskutieren, lachen, weinen oder schweigen. Oh Gott, dieses Schweigen hasse ich so sehr 😂
Du kannst sitzen, trinken, in Jogger oder Kleidchen kommen, ganz egal. Du wirst niemals dumm angeschaut.  Und wenn doch, würd ich Therapeut wechseln 😉 Rauchpausen wären cool,  das ist das Einzige was mir fehlt.

Und irgendwann, nachdem du dich soooo gegen Therapie gewehrt hast, wirst du zuhause sitzen und du hast eine andere Angst bekommen. Und zwar: WTF, wie soll ich jemals das Leben ohne diesen Menschen checken? Denn irgendwann ists vorbei. Und die ganzen Tränen und die Gefühlsduselei wird es wert gewesen sein.

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