langes Sterben
Meine Oma lebt noch immer. Seit fast vier Wochen kämpft sie jetzt mit dem Tod. Mal ist es so schlimm, dass sie nur mehr wirr redet und sich von uns verabschiedet. Und wir uns von ihr. Tausend mal.
Am nächsten Tag liest sie wieder Zeitung und erzählt dir von früher. Das ist echt irre. Und geht ehrlich gesagt auf die Substanz. Nicht nur bei den Angehörigen, sondern natürlich auch bei ihr. Sie kriegt alles noch mit, "vegetiert" aber sozusagen dahin. Und das tut mir so leid für sie. Sie isst seit Wochen nur mehr ein paar Löffel Suppe oder ein paar Löffel Eis. Ins Spital will sie natürlich nicht, wer kanns ihr verdenken ? Ich würde ihr so wünschen, dass sie friedlich im Schlaf sterben würde ohne Schmerzen. Auch wenn es verdammt weh tun würde.
Sie sagt selbst: Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass Sterben so lange dauert und so weh tun würde.
Seit sie starke Schmerzpflaster bekommt, hat sie wenigstens keine Schmerzen mehr.
Das Leben ist ungerecht. Und auch das Sterben kann anscheinend verdammt ungerecht sein.
Meine Mama ist ausgelaugt, dieses nichts Ganze und nichts Halbes nimmt sie sehr mit. Dauernd auf Abruf. Und dann lässt sie ihre Überforderung und Gereiztheit an ihren Töchtern aus. Was aber total okay ist diesmal, denn wer will schon dass seine Mama stirbt bzw sterben will und nicht kann?
Deshalb schlucke ich öfters runter, oder versuche, mir ihre Kritik nicht so zu Herzen zu nehmen. Denn auch wenn wir noch so viel streiten und diskutieren, meine Mama bleibt halt meine Mama, und wenn ich daran denke, dass sie irgendwann mal so da liegt wie meine Oma jetzt, krieg ich absolute Panik.
Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man mal alt genug sein kann, um ohne seine Mama zu leben. Egal was in der Vergangenheit vorgefallen ist.
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