Zwischen Freud und Leid
Ich liebte die Entwöhnung. Ohne Spass.
Außerhalb der Therapien saßen wir zusammen, philosophierten übers Leben, erzählten uns unsere Geschichten ( in der man sich immer wieder mal selbst spiegelte), gingen einkaufen, und ich für meinen Teil liebte es zu lesen und zu malen.
In den Therapien lernten wir viele Fakten über die Sucht. Wie zum Beispiel, welche Prozesse sich im Kopf abspielen, welche Phasen es gibt, wie Rückfälle entstehen und vermieden werden können usw.
Es war wirklich interessant.
Bewegung, Maltherapie und Musiktherapie standen auch auf dem Programm. So wurde meine Begeisterung fürs Malen ins Leben gerufen.
Achtsamkeitsübungen, Entspannungsübungen und Anspannungsübungen wurden auch angeboten, diese helfen mir auch heute noch wahnsinnig.
Jeder von uns hatte zweimal pro Woche Einzeltherapie ( ich hatte die beste Therapeutin!!) und einmal die Woche Bezugspflege, da konnte man mit seiner Bezugsschwester über etwaige Probleme reden, etwa was einem auf der Station gegen den Strich ging, wie der Einkauf im Supermarkt neben dem Weinregal war usw.
Auch eine Ärztin kam jede Woche, um die Medikamente zu besprechen.
Zu diesem Zeitpunkt nahm ich Antidepressiva, viiiiiel Vitamin B12 (Alkoholiker wissen warum), Schlaftabletten und ein Medikament gegen Suchtdruck.
Es gab aber auch nicht so schöne Dinge.
Es gab hin und wieder zwischen meinen Mitmenschen Streit. Man kann sich das so vorstellen, als wäre man mit einer Klasse Pubertieren auf Klassenfahrt.
Niemand wusste recht, wie er mit seinen Emotionen umzugehen hatte, hatten wir die doch alle seit langer Zeit mit Alkohol überbrückt.
Auch das Heimweh schlich sich öfter ein, ich durfte zwar raus und nachhause, aber das eigene Bett ist halt doch am kuscheligsten.
Ich persönlich hatte noch immer Probleme mit dem Essen, ich war extrem dürr, und aß ganz kleine Mengen. In dieser Zeit fing dann auch die Bulimie wieder an. Suchtverlagerung 💁♀️ Das hielt ich aber geheim, nur meine Therapeutin dort hatte ein paar Einblicke und mein Therapeut zuhause, mit dem ich regelmäßig Telefonstunden hatte, wusste davon. Die Zweifel meiner Mitpatienten winkte ich ab.
Ich war auch extrem unschlüssig, wie es nach der Entwöhnung weitergehen sollte. Mein Chef und ich hatten in der Zwischenzeit geschrieben, und er hat mir angeboten, wieder zurückzukommen- mit einer ALLERLETZTEN Chance. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte, hatte ich doch mit meinem Arbeitsplatz schon abgeschlossen gehabt. Da ich in einem Supermarkt arbeite, zweifelte ich auch daran, ob es mir gut tat, jeden Tag von Alkohol umgeben zu sein. Vom Stress als Führungskraft ganz zu schweigen.
Irgendwann beschloss ich, es doch noch mal zu versuchen. Zum Großteil, weil ich den Ablauf, die Kollegen und die Struktur kannte, und das, so glaubte ich, war nicht schlecht für den Anfang als trockene Alkoholikerin.
Ich war auf meinen Wunsch insgesamt 13 Wochen dort, und es war die BESTE Entscheidung meines Lebens. Als meine Entlassung immer näher rückte, weinte ich oft. Ich wollte diese absolut liebenswerten Menschen nicht verlassen, und ich hatte extreme Angst, in der "echten Welt" nicht zurechtzukommen.
Am Tag meiner Entlassung drückte ich meine liebsten Mitpatienten, schenkte ihnen meine Bilder und Magneten, tauschte Nummern aus und dann holte mich meine Mutter ab.
Man, war ich nervös!
Die besten 13 Wochen meines Lebens gingen zu Ende, und es hieß wieder : AUF IN DEN KAMPF!
Aber diesmal war ich gewappnet.
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