Unvorstellbare Wut
Ich war wütend. Sooo wütend. Seit ich auf Entzug war und danach in der Langzeitreha, spürte ich diese Wut aufflammen, und sie wurde immer mehr.
Ich war wütend auf mich selbst. Wütend, weil gerade ICH süchtig geworden bin. Nicht falsch verstehen, ich bin froh, dass es nicht meine Schwester erwischt hat. Aaaaber, sie trank auch. Meine Mutter auch. Meine Freunde auch. Bei weitem nicht so viel wie ich, und sie konnten aufhören. Warum konnte ich das nicht? Warum hatte ich nie genug nach 1-2 Gläsern?
Ich war wütend, dass ich meine Essstörung noch immer nicht im Griff hatte, und wenn ich öfter mal nicht erbrach, war ich wütend, weil ich zugenommen hatte.
Ich war wütend, dass ich mein ganzes Leben ändern musste, und alle anderen in meinem Umfeld so weitermachten wie bisher. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie nicht einsah, dass auch sie Schuld an meinem Schmerz war. Ich war wütend auf meinen Vater, der trank wie bisher. Oft konnte ich nicht mal neben ihn stehen, da mich die Fahne so triggerte.
Ich war wütend, weil ziemlich alle dachten, dass es mir ja jetzt gut geht. Nein, ging es mir nicht. Ich war wütend, wenn jemand sagte, dass ich ja so stark sei und stolz auf mich sein sollte. Ich fühlte das aber nicht.
Ich war wütend, wenn ich einen schlechten Tag hatte, und meine Familie gleich dachte, dass ich wieder suizidal war oder wieder trank. Ich war wütend, dass ich nicht so war wie die anderen trockenen Alkoholiker, die ihr Leben ohne Alkohol anscheinend so sehr liebten.
Ich war wütend und konnte es nicht zeigen, weil ich nicht wusste, wie ich das machen sollte. Ich hatte kein Ventil mehr.
Ich würde es so erklären:
Als ich noch trank, war ich auf dem offenen, stürmischen Meer. Ohne Hilfsmittel. Ich ging immer wieder unter und kämpfte mit dem Leben.
Jetzt als trockene Alkoholikerin, hatte ich einen Rettungsring bei mir. Ich ging zwar nicht mehr unter, aber ich dümpelte noch immer im Meer herum, ohne Sicht auf Land.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen