Trockenes Leben

Zwischendurch will ich euch berichten,  welche Veränderungen ich körperlich und seelisch bemerkt habe, seitdem ich trocken bin. 
Ob positiv oder negativ, es gibt definitiv viele 😂

Ich schlafe viel. Vor allem in der Anfangszeit der Trockenphase war ich IMMER MÜDE. Klar, der Körper kämpft, und nach dem Körper, kämpft das Gehirn,  und zwar dauernd.
Ich schlafe auch viel besser als früher, ich wache nicht mehr 1000mal auf und muss keine 3 Liter Wasser ( und 10 Shots) trinken.

Der Tag ist lang. Früher hab ich getrunken, geweint, und komatöse Schläfchen gehalten.
Heute fällt das alles weg, und ich merke jetzt noch immer, dass ich auf die Uhr schaue und mir denke,  was noch 5 Stunden bis zum Schlafen gehen?

Mein Körper suchte sich andere Süchte. Zuerst Zigaretten,  dann wieder Hungern, dann wieder Süsses bis zum Umfallen. 
Suchtverlagerung ist echt kacke. 

Ich bin noch immer dabei, zu lernen, meine Emotionen zu regulieren oder überhaupt zuzulassen. Als hätte ich noch nie etwas gefühlt.

Ich habe wieder Hobbies. Ich male, lese, und schaue gerne Serien. Das war früher nicht möglich,  da ich alles vergaß.

Ich bin viel selbstbewusster. Ich mache Dinge, ohne mich vorher irgendwie aufzuputschen. Und umso öfter es funktioniert,  umso leichter ist es.

Ich kann wieder lachen. Und zwar so richtig richtig.

Ich vermisse auch heute noch öfters den Alkohol.  Es ist wie wenn ein nicht besonders netter Bekannter stirbt. Man mochte ihn nicht unbedingt,  aber sobald er weg ist, erinnert man sich nur mehr an die guten Erinnerungen. Das macht es dann schwer, dem Suchtdruck zu widerstehen. 

Ich rede wahnsinnig gern über Alkohol. Ob über frühere Lieblingsgetränke, die ärgsten Räusche,  usw.

Ich träume von Alkohol. Sehr oft. Und bin immer wieder riesig erleichtert,  wenn ich aufwache, und nüchtern bin.

Ich probiere tausend verschiedene Sachen, um meine Sucht zu übertrumpfen.  Ich versuche alles, damit mein Dopaminspiegel genauso steigt wie beim ersten Schluck Alkohol.  Bisher hab ich noch nichts gefunden.

Ich bin eine alte Omi geworden. Ich gehe gern um 8 Uhr ins Bett, ich sticke,  löse Kreuzworträtsel und freue mich, wenn ich ein neues Waschmittel habe. Und ich liebs. 😂

Ich habe wieder Hungergefühl und Sättigungsgefühl.

Ich habe oft Stimmungsschwankungen. Mehrmals am Tag, von dem einen extrem ins andere. Obwohl ich hoch dosierte Antidepressiva nehme.

Ich höre viel offener und konzentrierter zu, und bin nicht mehr so egoistisch.

Im Suchtdruck kann sich eine Minute anfühlen wie eine Stunde. Ich habe weniger oft Suchtdruck,  aber die Intensität ist noch gleich stark.


Und für mich das Wichtigste: 
Ich stehe endlich dazu ein Alkoholikerin zu sein, und für ein trockenes Leben zu kämpfen.
Tag für Tag.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das schlimmste Jahr meines Lebens Teil 2

Das schlimmste Jahr meines Lebens Teil 1

Der Zutritt zur Hölle