Meine Mama und ich
Ich möchte euch, bevor ich meine Geschichte weitererzähle, kurz das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir erklären.
Jeder, der die Geschichte bis jetzt gelesen hat, hat sicher mitbekommen, dass meine Mutter nicht sehr gut abschneidet.
Mein Therapeut würde mich jetzt wahrscheinlich tadeln, aber ich hab das Gefühl, sie kurz in Schutz nehmen zu müssen, aber auch, meine Sichtweise zu verteidigen.( vor allem mir selbst gegenüber )
Obwohl alles, was ich geschrieben habe, der Wahrheit entspricht.
Ich liebe meine Mutter über alles. Ich kann mir kein Leben ohne sie vorstellen.
Sie hat mir viele Dinge beigebracht, mich immer wieder bei sich aufgenommen, sie kocht mir heute noch oft mein Lieblingsessen, sie besuchte mich im Krankenhaus. Und sie hat sich während meiner schweren Zeit nicht von mir abgenabelt, und für das bin ich ihr ewig dankbar. Hin und wieder haben wir auch echt Spass miteinander!
Trotzdem war es nicht einfach, mit ihr aufzuwachsen.
Ob sie mich liebt? Das weiß ich nicht. Und sie wahrscheinlich selbst auch nicht.
Dass meine Mama zu allen ausserhalb unserer engsten Familie immer extrem freundlich ist, jeden einen Gefallen tut, und niemals jemanden widersprechen würde, das war schon immer so.
Bei uns Kindern war da leider das Gegenteil der Fall. Wir durften niemals vor anderen Menschen laut sein, unsere Meinung sagen, ja, uns nicht mal verteidigen, wenn uns jemand wehtat. Sie verteidigte uns auch nicht.
Sonst bestrafte sie uns mit Ignoranz. Es war nie jemand anderes Schuld ausser wir Kinder.
Selbst wenn uns jemand zB beleidigte, meine Mutter stand immer hinter den anderen, und niemals hinter uns. Irgendetwas mussten wir doch getan haben, sonst hätte die andere Person uns nicht beleidigt (der 0815 Satz).
Seit ich ganz klein bin, hörte ich dauernd: Wenn du nicht brav bist, fahr ich fort und komme nie wieder heim. Oder:
Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann geb ich dich ins Heim! Ganz schlimm war es, wenn wir Kinder uns nicht vor sie stellten, wenn sie Streit mit Papa hatte. Auch wenn es ihre Schuld war, wenn wir zu Papa halfen oder auch nur normal mit ihm redeten, waren wir der größte Abschaum für sie und undankbare Gören, und ihre Standartaussage war, dass sie dann ja eh sterben konnte, da wir den Papa ja so viel lieber hatten als sie.
Es war sehr verwirrend für uns. Bei uns hatte sie an ALLEM etwas auszusetzen ( bis heute noch, obwohl wir schon erwachsen sind). Es gab keinen positiven Satz über uns , der nicht mit "aber" weiterging.
Du hast ein schönes Kleid an, aber du hast schon wieder Geld ausgeben.
Das hast du schön gemalt, aber das hättest du anders machen müssen.
Meistens blieb es nur bei Kritik, ohne vorheriges "Kompliment ".
Letztens hab ich mitgezählt, ich kam in einer Viertelstunde auf 15 Kritiken von ihr. (Ohne Witz, und ohne dass dies eine Extremsituation gewesen wäre).
Und was vor allem mich am meisten zernagte: Warum war sie zu anderen so freundlich, zu mir aber nicht? Was war falsch mit mir, dass ich niemals eine Umarmung oder ein nettes Wort abbekam?
Heute weiß ich, dass meine Mama sehr wahrscheinlich an einer narzisstischen Störung leidet. Mein Therapeut hat mich ganz sachte und sanft in diese Richtung geschubst, und ich erkannte leider sehr viele Punkte in ihr wieder. Das kann ich ihr aber nicht sagen, denn sie würde uns Kindern gegenüber niemals einen Fehler zugeben.
Ausserdem hat ihr Verhalten früher uns gegenüber bewirkt, dass ich eine emotionale Abhängigkeit ihr gegenüber entwickelt habe. Ich kann nicht ohne sie leben, da ich ohne sie nichts bin. Das prägte man mir seit Kleinkindalter ein, und ich kämpfe heut noch sehr damit, diese irgendwie abzulegen.
Also, nochmal zusammengefasst, ich liebe meine Mutter wirklich sehr, bin ihr für vieles dankbar, aber ich hätte eben auch auf vieles verzichten können.
Mein Therapeut sagte mal, dass man immer jemanden lieben könne, und trotzdem auch grosse Wut auf diese Person spüren dürfe.
Das beschreibt es ziemlich genau.
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