Lügengespann

Die nächsten Monate bestanden hauptsächlich aus Lügen. Ich schaffte es, zum größten Teil ohne Alkohol. 
Wenn ich trank, so ca 2 mal die Woche, dann aber richtig. Ich kam aus den Entzugserscheinungen nicht mehr raus. Bis das Zittern vom letzten Rausch abgeklungen war, hatte ich schon wieder solchen Suchtdruck,  dass ich mir eine Flasche kaufte. In der Therapie,  die ich brav jede Woche machte, war ich meistens nüchtern.
Also entweder trank ich und lügte,  dass ich trank, oder ich trank nichts, und lügte, dass es mir gut ging. Im Schauspielern war ich noch immer eine Meisterin, und ich schämte mich zutiefst,  wenn ich trotzdem mal die Nerven verlor. An den Tagen, wo ich nicht trank, hungerte ich und war depressiv.  An den Tagen , wo ich trank, war ich auch depressiv,  und hatte eine Panikattacke nach der anderen. Ich war wieder am Anfang. Jedes Mal,  wenn mich wer aus meiner Familie oder in der Arbeit ( inzwischen wussten es 4 enge Kollegen) ganz vorsichtig fragte, ob ich wieder trank,  drehte ich durch. Ich war wie ein Dynamitenfass.  Auch das Selbstverletzen fing wieder an. So dümpelte ich irgendwie durch den Herbst und den Winter.
Ich hasste mich so sehr. Warum hatte ich es nicht unter Kontrolle? Wie konnte man, von etwas das einem so sehr schädigt,  so extrem abhängig sein? Ich hasste den Alkohol,  ich hasste den Suchtdruck, ich hasste mein Leben. Ich war wieder so weit,  dass ich keinen Sinn mehr sah, und die Selbstmordgedanken waren mit voller Wucht zurückgekehrt. Ich hätte natürlich mit meinem Therapeuten reden können, aber ich schämte mich auch vor ihm so dermaßen, dass ich kein Wort über mein Trinkverhalten herausbrachte. Also log ich. Wieder mal.
Dann, Anfang März, war ich fast schlechter beinander als im Jahr 2022 mit der Bauchspeicheldrüsenentzündung.  Ich konnte einfach nicht mehr. Dieser Selbsthass zerfraß mich zusehends.  An einem Donnerstag,  an dem ich Therapie hatte, hatte ich getrunken.  Ich weiss noch dass mein Therapeut mir eine zweite Sitzung am Freitag angeboten hätte, er merkte, dass was nicht stimmte. Und das gab mir den Rest. Ich versuchte es doch so sehr zu verstecken!! 
Am Freitag darauf hatte ich eine fette Panikattacke in der Arbeit, ich hatte wieder meine Mischung in der Handtasche mit. Mein Chef rief wieder mal die Rettung. Ich wollte nicht mitfahren.  Aber irgendwie schaffte es der Sanitäter,  mich zu überzeugen.  Ich kam wieder in die Psychiatrie. 
Dort fing das Spiel  von vorne an, Entzug bekämpfen und viele Gespräche wehen einer Langzeitreha.  Diesmal gab ich nach und wollte es aus wirklich,  und füllte noch in der Psychiatrie den Aufnahmebogen der PSZW Eggenburg aus. Da die Psychiatrie voll bis obenhin war, wurde ich wieder entlassen, mit Benzos zum Selbstausklingen. Das tat ich auch, und zwei Wochen nach meinem Zusammenbruch war ich wieder arbeiten.
Warum ich noch immer nicht gekündigt worden war? Darauf hab ich keine Antwort. Ich denke, es war Mitleid mir gegenüber.

Zwei Wochen später trank ich wieder,hatte ich noch keine Antwort der Reha bekommen, und schrieb wieder Abschiedsbriefe. Ich  wollte sterben, diesmal so richtig richtig.
An einem Dienstag ging ich arbeiten, ich hatte vor, mich nach der Arbeit sauber zu betrinken und danach gegen einen Baum zu fahren. Den hatte ich mir schon hundertmal angesehen. Noch dazu hatte ich ein Messer bei mir, falls ich den Aufprall aus irgendeinem Grund überleben würde. Mein Plan stand fest.
Als ich nach der Arbeit ziemlich beinander war( ich hatte meine Flasche wieder mit), waren meine Kollegen sehr skeptisch. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welchen Blödsinn ich wahrscheinlich gelallt habe.
Alle fuhren nachhause, nur ich blieb in meinem Auto sitzen. Und weinte. Ich weinte so sehr, dass ich keine Luft mehr bekam. Ein paar Minuten später , es kam mir vor wie Stunden, standen plötzlich mein Chef, zwei Arbeitskolleginnen und meine Mutter vor mir. Die 2 Kolleginnen sind umgekehrt, da sie sich Sorgen machten. Wer meinen Chef und meine Mutter angerufen hat,  weiss ich nicht. 
Die Mutter hätte man sich auf jedenfall sparen können. Ihre hasserfüllten, verachtenden Blicke, aber mit einem kleinen Funken Sorge dabei,machten mich immer kleiner. Auch mein Chef sah sehr wütend und enttäuscht aus. Warum wohl ? 😓😓 Meine Arbeitskollegin fragte mich dann, ob sie oder meine Mutter mit mir in die Psychiatrie fahren soll, und ich war ihr soooo dankbar, als ich sie bat und sie zustimmte.
Meine Mutter hätte mich im Auto, wo kein anderer gewesen wäre ausser uns zwei, zerfetzt. Ich weiss nicht, wie spät es war, als ich in Tulln ankam. Ich war sauber hässlich, verweint,  zerstrubbelt,  und schon wieder entzügig. Der erste Satz, den ein Pfleger zu mir sagte war: naa, net du scho wieder! 
Ich kam zur Aufnahme,  es war absolut unsicher,  ob ich bleiben konnte, da alle Betten belegt waren. Meine Arbeitskollegin wartete daher ab, ob sie mich wieder mitnehmen musste.
Ich erzählte der Nachtärtzin von meinen Gedanken, und nach langen Hin und Her, und vielen Tränen meinerseits,  beschlossen die Ärzte, dass ich bleiben konnte.

An diesem Abend retteten mir diese zwei Arbeitskolleginnen, insbesondere die, die mich nach Tulln chauffierte, das Leben. Und zwar ohne Zweifel. 

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