Langzeitreha- Entwöhnung
Ich kam an, wurde freundlich begrüßt, und sollte auf meine Bezugsschwester warten, die mir dann alles zeigen würde.
Ich traute meinen Augen nicht, als eine langjährige frühere sehr gute Arbeitskollegin auf mich zukam. SCHEISSE.
Sie erklärte mir, dass sie meine Bezugsschwester geworden wäre, sie aber getauscht hat, da es mir sonst unangenehm sein könnte. OH JA! Auch ihr war es unangenehm, mir gegenüber zu stehen. Sie hatte ja meine Akte gelesen.
Ich kam auf mein Zimmer, und meine "richtige" Bezugsschwester kam, um mir alles zu erklären, meinen Alkoholwert zu messen (0.0) und mir die Regeln klarzumachen.
Danach kam ein Arzt für eine schnelle körperliche Untersuchung.
Die ersten Woche durfte ich das Gelände nicht verlassen, die Versuchung wäre zu gross, rückfällig zu werden. Das wusste ich schon vorher, und hatte mich mit Süßigkeiten und Beschäftigungen eingedeckt. Ich hatte ein total schönes Einzelzimmer, und auch die Gartenanlage war riesengroß und wunderschön.
Am ersten Tag fühlte ich mich trotzdem verloren. Sehr viele fremde Menschen, die Spass hatten, und ich mittendrin- die "Neue".
Am zweiten Tag hatte ich meine erste Gruppentherapie, und da man immer in der gleichen Gruppe war, fühlte ich mich nach ein paar Tagen schon zugehörig. Alle waren sehr lieb, und wie es halt so ist, wunderte ich mich bei manchen, dass diese mit mir auf Entwöhnung waren. Vom Arzt zum Bauarbeiter bis zur reichen alten Frau war alles vertreten. Auch vom Alter her waren wir bunt durchgemischt. Die meisten waren zwischen 40 und 50, aber es gab auch eine 18 Jährige und die Ü70- Elite. Es waren viele nicht zum ersten Mal da, nur ein kleiner Teil - zu dem ich gehörte- machte die erste Entwöhnung durch. Alkohol macht vor keinem Halt, egal welches Alter und welchen sozialen Status man hat. Und niemand ist besser als schlechter als der andere.
Was mich auch sehr faszinierte, waren die verschiedenen Alkoholikergruppen, denen wir zugehörten. Einige waren so wie ich Pegeltrinker, andere wiederum die sogenannten BlackOut-Trinker (diese tranken nicht jeden Tag, dafür wenn sie tranken, so viel dass sie ins Koma fielen). Einigen wurde ihr Feierabendbierchen zum Verhängnis und einer war wegen schlechten Leberwerten da. Ich muss gestehen, dass wir diesen ein bisschen auf die Schippe nahmen. Wir fragten ihn nach seinen Leberwerten- er hatte einen Wert von 70- und wir lachten uns wirklich krumm. Er nahm es uns nicht übel, nachdem er unsere erfahren hatte. Meine lagen zu diesem Zeitpunkt auf fast 360 - hatte aber sechs Wochen schon nicht mehr getrunken.
Manche hatten Polyneuropathie, andere keine oder nur mehr Teile der Bauchspeicheldrüse, manchen merkte man den extremen Missbrauchs des Nervengifts äußerlich extrem an, anderen wiederum gar nicht.
Eine Dame hatte keine Hand mehr, da sie betrunken gekocht hatte und ihr heisses Öl auf die Hand geronnen war. Viele hatten als Begleiterkrankung Depressionen, Ängste, körperliche Erkrankungen.
Aber alle hatten wir etwas gemein, und das war, dass wir dem Alkohol den Kampf ansagen wollten.
Und das machte uns in kurzer Zeit zu einem absolut eingeschweißten Team.
Niemand war besser oder schlechter als der andere. Nun gut, mein lieber Walter (ich hatte ihn so wahnsinnig lieb gewonnen) mit den 70 Leberwerten war vielleicht unser aller Traum 😂😂
Es gab 4 Stationen: den Alkohol, die Essstörungen, Trauma und Schmerzpatienten und die der anderweitig psychisch erkrankten Menschen wie bipolare Erkrankungen.
Nur beim Essen und im Garten kamen alle Gruppen zusammen, obwohl man auch da eher unter den jeweiligen Gruppen blieb.
Auf der Alkoholstation gab es zwei Gruppen.
Wir hatten nur Sport gemeinsam, die Gruppentherapien hatte man immer mit den gleichen 10 Menschen.
Ich war noch immer extrem schüchtern, aber sogar mir fiel es leicht, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Und ich habe alle- ausnahmslos ALLE- aus meiner Alkigruppe ins Herz geschlossen.
Jeder wusste, wie es dem anderen ging, und man versuchte sich so gut wie möglich zu unterstützen. Jeder von uns hatte die gleiche Scham in sich, litt unter Suchtdruck, hatte irgendwie irgendwo im Leben seinen Weg verloren. Und das machte uns zu Seelenverwandten ❤️
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