Innere Leere
Die nächsten Wochen und Monate waren eine einzige Achterbahnfahrt. Ich ging brav zur Therapie, nahm meine Antidepressiva und überstand einen Tag nach dem anderen. Ich hatte zwar des öfteren Suchtdruck, aber den bezwang ich ziemlich gut.
In den Nächten träumte ich wahnsinnig oft davon, rückfällig geworden zu sein ( träume ich noch immer), und war dann immer sooo erleichtert, wenn ich aufwachte, und noch nüchtern war.
Mein Therapeut sagte mir, dass dieses Träumen ganz normal sei, da mein Gehirn die Abstinenz so verarbeitet, aber angenehm ist das trotzdem nicht.
Ich malte sehr sehr viel, las viel ( auch viele Alkoholratgeber und Biografien von Alkoholikern) und hatte viele erste Male.
Das erste Mal nüchtern auf einem Konzert, nüchtern den Geburtstag feiern, nüchtern auf der Weihnachtsfeier, ja, sogar das erste Mal seit Jahren nüchtern in der Kirche. Es war eine aufregende, aber auch sehr kräftezehrende Zeit. Aber eines fehlte mir.
Glücklich sein.
Ich hatte verlernt, ohne Alkohol Glück oder Freude zu verspüren. Was ich früher mit Freude empfand, ist der erste Schluck Vodka oder Wein, nach (mit den Jahren immer kürzer dauernder) Nüchternheit.
Dieser erste Schluck, der in der Kehle brannte, wo einem warm im Bauch wurde und das Gehirn trügerisch sagte: ok, gleich geht es dir gut.
Ich glaube, einem Nicht-Süchtigen Menschen kann man nicht erklären, welches "Glück" ich dann spürte. Und das fehlte mir. Ich versuchte viele Dinge, um das gleiche Gefühl irgendwie zu erzeugen, aber nichts kam irgendwie annähernd ran. Bis heute bin ich auf der Suche, obwohl es mir jetzt etwas leichter fällt.
Ich fühlte mich in den ersten Monaten auch ziemlich verarscht. Jeder sagte mir, dass Nüchternheit absolut toll sei und das Leben so viel besser wurde. Ich merkte nichts davon, ausser, dass ich klarer im Kopf war und mir somit öfter denjenigen zerbrach, warum ich das nicht so empfand. Ich lebte zwar, aber es war mehr ein Überleben als alles andere.
Nachdem ich lange mit meinem Therapeuten darüber gesprochen hatte, auch, weil wieder SV Gedanken kamen, ging ich zur Psychiaterin, die meine Antidepressiva erhöhte. Ich hatte mit der Dosis auf der Langzeitreha begonnen, also in der Bubble ohne Probleme und Alltag.
Jetzt war ich wieder voll auf mich allein gestellt, und deshalb war ich nicht von mehr "Glückspillen" abgeneigt. Natürlich sind Antidepressiva kein Allheilmittel und ersetzen keine Therapie und selbstständiges Arbeiten an sich selbst, aber ich nahm alles, was ich kriegen konnte, um das nüchterne Leben zu überstehen. Trotzdem war das nüchterne Leben für mich nicht so Happy Peppi, wie andere es mir erzählten. Man könnte ja bei manchen Social Media Sober People meinen, dass sie den Weg zum Himmel mit der Nüchternheit geöffnet haben, und das schönste und beste Leben überhaupt führen würden. Tja, es ist zwar besser, aber bei Weitem nicht sooo toll wie erhofft, aber das kann sich ja noch ändern.
Falls es dir wie mir geht, WIR SIND NICHT ALLEIN , denn dann sind wir wenigstens schon zu zweit😂😊
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