Es geht abwärts
Man muss bedenken, dass Süchtige oft lügen. Es ist nichts so wichtig wie der Alkohol, und es ist dem Süchtigen egal, ob er anderen damit wehtut. Hört sich sehr egoistisch an, und so ist es auch.
Aber sie belügen nicht nur andere, am meisten belügen sie sich selbst.
So dachte ich mir zum Beispiel, und das glaubte ich wirklich, dass ich nicht wirklich Alkohol zu mir nahm. Sondern "nur" Beruhigungstropfen, die rezeptfrei in jeder Apotheke zu kaufen waren.
Ich fing an, mir eine Flasche für 2 Tage zu kaufen. Meistens war dann am zweiten Tag nichts mehr übrig, ja, normalerweise war mein Fläschchen "Heilmittel" schon ein paar Minuten nach dem Kauf leer. Es schmeckte um einiges ekelhafter als Hustensaft, aber es half mir sofort, zur Ruhe zu kommen und die Leere in mir zu füllen. Ich litt noch immer an Depressionen, war aber trotz Anweisung der Psychiatrie noch nicht beim Psychiater gewesen.
Ich wollte es ja unbedingt alleine schaffen.
Ein paar Wochen später, war ich schon wieder so weit, dass ich fast täglich in der Apotheke stand. Zuerst bekam ich es ohne Probleme, dann nach ein paar Tagen wurde ich schon skeptisch angesehen. Also fing mein Spiel wieder an. Vorher waren es Supermärkte und Tankstelle, die ich abwechselnd besuchte, jetzt waren es Apotheken. Noch dazu war so ein Fläschchen nicht billig, aber das war es mir wert. Was tut man nicht alles für den Rausch.
Ich versteckte es wieder vor allen, ich wusste, dass niemand meine Meinung teilen würde, dass ich ja keinen "echten" Alkohol trank. War ja auch nicht so.
In dieser Zeit fingen auch die Panikattacken wieder an. Zuerst leise und innerlich, dann wieder laut und für jeden sichtbar.
Meine Angstzustände wurden wieder stärker, und ich litt unter extremen Stimmungsschwankungen. Jede kleine Kleinigkeit in der Arbeit und jede noch so kleine kritische Bemerkung meiner Mutter brachte mich zum explodieren.
Mein Chef ahnte wohl etwas, bzw war ich wohl diesmal leichter zu durchschauen, und nahm mich öfters beiseite. Ich beichtete ihm meine Alkoholsucht ( von der er ja eh schon durch meine Mutter wusste) , aber stritt vehement ab, wieder zu trinken. Er blieb misstrauisch. Zu Recht.
Dann kam mein Extremzusammenbruch.
Ich hatte mir ein neues Auto gekauft, und eine Woche später rannte mir ein Reh ins Auto.
Totalschaden. Meine Versicherung deckte den 9.000 Euro Schaden zwar ab, aber das war zuviel für mich.
Am nächsten Tag vor der Arbeit, war ich wieder im Supermarkt und mischte mir meine altbekannte Vodka- Mischung zusammen. Ich trank und trank, und überlebte den Tag irgendwie, geplagt von Schuld, Scham und Angst.
Am Abend brach ich dann zusammen. Ich bekam eine wahnsinnig schwere Panikattacke, und meine beste Arbeitskollegin, die bereits von meinem Problem wusste, rief meinen Chef und eine zweite wissende Arbeitskollegin an. Sie machten meine Arbeit fertig, während ich weinte und hyperventilierte. Sie wollten mich überreden, ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte aber so eine extreme Angst wegen meiner Geschichte mit dem kalten Entzug, dass ich erst nach langen Einreden zustimmte. Mein Chef und meine Kollegin fuhren mich ins Spital, ich bekam meinen Blutalkoholwert präsentiert (2.8 Promille) und bekam eine Infusion. Mein Chef wartete im Wartezimmer, meine Kollegin hielt mir die ganze Zeit die Hand. Das werde ich ihnen nie vergessen.
Ich wurde auf meinen Wunsch entlassen, und die beiden fuhren mich zu meinem Elternhaus. Ich weinte die ganze Zeit und hatte riesengroße Angst vor der Reaktion meiner Mutter.
Es war mitten in der Nacht, und meine Mutter stand sofort bereit, sobald wir in die Zufahrt fuhren.
Mein Chef nahm sie sofort beiseite und bat sie, mich nicht zu schimpfen.
Sie hielt sich daran, bis mein Chef und meine Kollegin gefahren sind.
Danach ging die Zeterei los. Ich wär schwach, das Ebenbild meines Vaters, dumm, und eine Schande für die Familie.
Ich hörte es mir an und nickte nur kraftlos.
Sie hatte ja Recht.
Am nächsten Tag trank ich nichts, zitterte mir den Alkohol aus den Körper und schwor mir, dass es nun genug war.
Ich hatte ein paar Tage freibekommen, und ging dann wieder zur Arbeit. Mit klopfenden Herzen und so vielen Schuldgefühlen und riesengroßer Scham. Und nüchtern.
Mein Chef nahm mich zur Seite, waschte mir sehr feinfühlig den Kopf und stellte mich vor ein Ultimatum. Entweder ich suchte mir Hilfe, oder er konnte mich beim nächsten Rückfall nicht mehr beschützen und es vor den anderen verstecken. Mir war natürlich klar, dass ich seine Geduld und sein Vertrauen schon lange übrrspannt hatte, und stimmte zu, mir Hilfe zu holen.
Also schrieb ich einige Therapeuten an und ging zur Suchtberatung. Noch immer nüchtern.
Ich fand dann einen Therapeuten in meiner Nähe, der noch Plätze freihatte, und machte mir einen Termin aus. Am Tag des Erstgespräches mit hätte ich kotzen können vor Nervosität . Ich war 5 mal kurz davor, aus dem Wartezimmer zu stümen und der einzige Grund, warum ich es nicht machte, war der Gedanke an meine Arbeit.
Trotz extremer Nervosität verstanden sich mein Therapeut und ich gut, und ich wollte es mit ihm versuchen.
Also ging ich ab jetzt jede Woche zur Therapie, brachte meinem Chef den Nachweis und blieb antialkoholisch.
Leider nicht lange.
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