Die Macht der Gefühle
Im ersten Jahr Abstinenz empfand ich alle Gefühle erdrückend. Freude, die sich nur sehr selten zeigte, wurde meistens sofort durch Zweifel ersetzt. War ich wirklich fröhlich, oder war das wieder nur eine Maske von mir? Bei jedem Ereignis, auf dass ich mich eigentlich freute, dachte ich mir nach kurzer Zeit: ok, genug davon, wann ist es endlich vorbei?
Zum Beispiel ein Thermentag mit meiner Schwester. Ich freute mich unendlich darauf, aber schon beim Frühstück an dem Tag wollte ich, dass dieser Tag so schnell wie möglich vorbeiging. Ich konnte nichts so richtig genießen. Und ich hatte das Gefühl, immer auf etwas Schreckliches zu warten.
Ich hatte einen schönen Tag bis jetzt? Warte nur, freu dich nicht zu früh. Irgendwas wird passieren, und wenn es auch nur Suchtdruck ist.
Trauer überkam mich da schon öfter. Trauer über meine verlorenen Jahre, Trauer darüber, so geworden zu sein wie mein Vater. Trauer, weil ich nie wieder ein Glas Muskateller trinken konnte. Trauer, weil mich meine Mutter noch immer so behandelte, und ich noch immer das schwarze Schaf war. Trauer, dass mich noch immer niemand wirklich liebte. Trauer, dass ich noch immer da war, zwar nüchtern, aber seelisch noch immer sehr lädiert.
Ich weinte aber nie. Zum Teil sind sicher die Antidepressiva schuld. Zum anderen Teil erlaubte- und erlaube es mir immer noch nicht- zu weinen.
Wenn ich als Kind weinte, dann wurden meine Gefühle sofort zunichte gemacht. Ich wollte laut meiner Mutter nur Aufmerksamkeit, war eine Prinzessin und stellte mich an, oder war schwach.
Das prägte sich ein, und ich weinte dann in meinem Leben nur, wenn ich betrunken war oder eine Panikattacke hatte. Das konnte ich nicht kontrollieren. Ich weiss noch, als das Begräbnis meines Opas war, und kurz vorher prägte unsere Mutter uns ein, ja nicht zu weinen, da alle Augen auf uns gerichtet waren. Stark wirken, egal wie es dir innerlich ging.
Und Angst hatte ich noch immer. Vor allem und jeden. Vor Veranstaltungen, Feiern, Menschenmassen, Telefonaten, eigentlich vor allem. Am meisten vor einem Rückfall.
Aber das allerschlimmste Gefühl war die Wut. Diese unglaubliche Wut, die hat sich ein eigenes Kapitel verdient.
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