Unverzichtbar
Ab da ging es langsam, aber sicher bergab.
Wenn man mich jetzt fragen würde, wann meine Sucht angefangen hat, dann in meiner Pubertät. Nicht täglich, aber der Gedanke war immer da, an den nächsten Rausch, das nächste leichte Gefühl und die Entspannung, die aufkommt, wenn man den ersten Schluck nimmt. Man war natürlich nicht sofort betrunken, aber man wusste, dass es bald soweit war und somit auch die Gedanken leiser wurden.
Ich vermute auch, dass meine Depressionen in dieser Zeit begannen, aber da es bei uns zuhause absolut verpönt war, Gefühle zu zeigen, zu weinen oder sich gegenseitig anzuvertrauen, blieben diese Gedanken bei mir. Äußerlich war ich das lustige Mädchen. Innerlich dachte ich immer öfter an Selbstmord.
Ich bestand die Fachschule mit ausgezeichnetem Erfolg. Ich war immer eine Einser-Schülerin, lernen fiel mir leicht, aber meine Mutter setzte mir seit meiner Kindheit den Gedanken ein, nicht gut genug zu sein. Somit war für mich klar, dass ich zu dumm für die Matura oder ein Studium wäre, und ich begann eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Meiner Mutter war nur wichtig, dass ich nicht arbeitslos war. Und Verkäuferin war in ihren Augen ein Beruf, den auch ihre nicht sonderlich kluge Tochter lernen konnte.
Mit 16 trat ich die Stelle an. Und ca auch in dem Alter fing ich an, auch unter der Woche zu trinken. Nie alleine, sondern immer mit meiner Mutter und/oder meiner Schwester. Eine Flasche Wein oder Sekt war in meinen Augen zu dritt nicht dramatisch, obwohl wir das mindestens 4 Mal die Woche machten, zusätzlich zu meinen nach wie vor bestehenden Vollräuschen am Wochenende.
Ich war ein guter, fleissiger Lehrling, trank noch nicht alleine und hatte äußerlich mein Leben im Griff. Innerlich kämpfte ich sehr, mit meinen Eltern, den schlimmsten Selbstzweifeln und der Meinung, es nicht wert zu sein, um geliebt zu werden. Also fing ich an mich zu verletzen. Zuerst mit Schnitten an den Oberschenkeln, gerade tief genug, um weh zu tun und mich zu spüren, aber nicht so tief, um mich ernsthaft zu schädigen. Das fiel meiner Mutter zwar auf, aber sie fragte nie nach oder zweifelte an meinen wagen Ausreden. Zusätzlich fing ich an zu hungern. Ich war immer etwas moppelig, und meine Mutter zeigte ihre "Liebe" indem sie kochte. Ich weinte? Dann gab's Pommes. Ich war traurig? Ein Eis wirds schon richten. Ich kam nicht aus dem Bett? Hier hast du Schokolade , aber sei ja still und lass mich ansonsten in Ruhe. Das war meine Art der Rache, ich wollte ihre alibimässige Liebe nicht, somit auch kein Essen.
Als ich die ersten Kilos verlor, wurde ich immer öfter auf den Gewichtsverlust angesprochen. Das spornte mich an, ich gierte nach dieser Art der Aufmerksamkeit, obwohl ich noch immer wahnsinnig schüchtern war. Irgendwann hatte ich 20 Kilo verloren, und fand mich in der Magersucht wieder. Ab da hasste ich es, wenn mich jemand auf mein Gewicht ansprach. Nicht, dass ich schön gewesen wäre, ich war ein wandelndes Skelett mit zu grossen Kopf für den schmächtigen Körper und Beckenknochen, die hervorstachen. Aber jeder besorgte Blick oder jedes " geht's dir gut?" schmetterte ich sofort ab und reagierte gereizt. Ich schrie stumm nach Hilfe, aber annehmen konnte ich sie nicht.
Ich war damals schon so sehr auf den Alkohol fixiert, dass ich trotz Kalorienzählens ( ich weinte, wenn ich wusste, dass im Salatdressing Öl war) auf meine paar Glas Wein und die Blackouts am Wochenende nicht verzichtete, oder schon gar nicht mehr verzichten konnte.
Mit 19 war ich ausgelernt, und wurde sofort Abteilungsleiterin. Meinen inneren Teufel bekam ich allerdings nicht los.
Da ich irgendwann nicht mehr auf normalem Weg abnehmen konnte (was auch noch, Knochendichte? ), und ich von Heißhungerattacken gebeutelt wurde, steckte ich mir den Finger in den Hals. Voi la- die Bulimie war geboren.
Diese sollte mich noch etliche Jahre begleiten.
Niemand innerhalb meiner Familie sprach mich auf meinen Gewichtsverlust oder die Schnitte, die langsam aus Platzmangel an andere Stellen ausgebreitet wurden, an. Obwohl ich mir das am meisten gewünscht hätte. Einmal Sorge in Mamas Augen sehen, einmal von ihr umarmt werden, einmal das Gefühl haben, geliebt zu werden. Nichts davon bekam ich.
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