Der kalte Entzug
Ich glaubte nie daran, wenn ich las, dass ein kälter Entzug gefährlich werden konnte. Zittern, Kopfschmerzen, Übelkeit und wahnsinniges Schwitzen kannte ich schon zur genüge. Also was sollte mir schon großartig passieren?
Tja. Ich hab mich, um es gelinde auszudrücken, sehr überschätzt.
Ab ca neun Uhr abends bekam ich die ersten üblichen Entzugserscheinungen. Ich biss die Zähne zusammen, überstand ein paar Panikattacken, und dachte, nach ein paar Stunden Schlaf, war das gröbste vorbei.
Nur dass an Schlaf nicht zu denken war. Ich nahm einige Schmerztabletten und zitterte vor mich hin. Um zwei Uhr nachts sah ich bereits die ersten Bilder, die nicht zu dieser Erde passen wollten. Ich hatte Halluzinationen. Ich lag im Bett, aufstehen konnte ich nicht mehr, und hatte Todesangst. Um ca zwei Uhr morgens war ich so fertig, dass ich die Rettung rief. Nach unzähligen Versuchen, schaffte ich es, die Nummer zu wählen. Ich kroch auf allen Vieren aus dem Bett und zu meiner Wohnungstür. Dann stürtzte ich die Treppe im Treppenhaus hinunter, spürte aber von dem Sturz keinen Schmerz, ich lag ja schon seit Stunden in diesem Zustand im Bett. Danach musste ich erstmals eine Runde kotzen, bevor ich mich auf den Gehsteig legte. Die Rettung kam ein paar Minuten später, und ich erzählte ihnen meinen Versuch. Meine Werte waren ziemlich schlimm, und sie brachten mich mit Blaulicht ins nächst gelegene Krankenhaus. Dort wurde ich auf eine Liege in der Notaufnahme gelegt, und bekam Flüssigkeit. Ich erzählte ihnen von meinen Bauchschmerzen, und sie schickten mich zum Ultraschall. Das bekam ich nur hin und wieder mit, ich wurde immer ohnmächtig.
Als ich wieder bei mir war, lag ich wieder auf dieser Liege, und eine Ärztin sagte, dass ich an einer Fettleber erkrankt war. Jetzt im Nachhinein werde ich so wütend, denn dass ich seit Wochen mit einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung herumlief, das bemerkten sie beim Ultraschall nicht.
Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass mir eine Benzo, eine Tablette gegen Entzugserscheinungen gegeben wurde. Schmerzen hatte ich zwar noch immer, aber ich konnte wieder Antworten geben und nahm meine Umgebung wieder wahr.
Ein paar Minuten später kam eine ältere Nachtkrankenschwester. Was sie dann zu mir sagte, sollte sich so in mir einprägen, dass ich dieses Krankenhaus nie wieder besuchen würde, unter keinen Umständen.
Sie sagte zu mir: Schauens, Sie sind einfach Alkoholikerin, und für das ist unsere Notaufnahme nicht da. Es gibt andere, die die Hilfe wirklich brauchen und wollen, und denen nehmen Sie einen Platz weg. Gehens nach Hause, melden Sie sich in der Psychiatrie, oder trinkens weiter. Aber wir können nichts mehr tun für Sie.
Auf meine klägliche Antwort, dass ich in der Psychiatrie abgewiesen worden war, zuckte sie nur mit den Schultern, und fragte mich, ob mich jemand hinausbegleiten sollte.
Dann ließ sie mich allein. Ich hatte mich noch nie so wertlos und hilflos gefühlt wie in diesem Moment.
Ich rief mir ein Taxi, robbte (stehen geschweige denn gehen konnte ich noch immer nicht) zum Ausgang des Krankenhauses und ließ mich nachhause fahren. In meiner Ortschaft sagte ich dem Taxifahrer, dass er bei der nächsten Tankstelle stehen bleiben müsste und mir bitte eine Flasche Vodka kaufen sollte. Dem kam er nach, und noch im Taxi nahm ich einige Schlucke- und ZACK- es ging mir sofort besser. Ich schaffte es, in meine Wohnung zu wanken, und schwor mir, mich nie wieder dieser Demütigung auszusetzen, wie die, die ich in dem Krankenhaus erfahren hatte.
Auch wenn es heißen sollte, dass ich mich zu Tode soff.
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