Der erste Rausch
Im Gegensatz zu heute, war es früher in den österreichischen Dörfern normal, dass Kinder schon in jungen Jahren- oft noch in der Windel- vom Bierschaum der Erwachsenen trinken dürfen. Dann wurde über die lustigen Grimassen gelacht, die die Kleinen zogen.
Heute unvorstellbar - zumindest in der Öffentlichkeit.
Auch ich durfte das als Kind, was war das immer für eine Aufregung, Ich durfte auch hin und wieder von einem Glas Wein nippen, das aber nur bei meinem Papa, meine Mama wäre fuchsteufelswild geworden.
An meinen allersten Rausch erinnere ich mich sehr gut, trotz ernormer Übelkeit hatte ich kein Blackout.
In unserem Dorf ist es Tradition, dass sich am Nikolaustag, dem 6. Dezember, ein Verwandter als Nikolaus verkleidet, der dann die kleineren Kinder der Familie besucht. Auch Krampusse durften nicht fehlen, bei uns waren das immer meine älteren Cousins. Vor denen hatte ich riesige Angst, auch noch als ich schon lange wusste, dass es meine Familienangehörigen sind. Der Alkohol floss oft vorm Besuch in Strömen, und 18- Jährige Jungs haben sehr viel Spass daran, die Rute einzusetzen und die Kleineren sehr einzuschüchtern. Trotz meiner Angst liebte ich diesen Tag, die ganze Familie kam dann zusammen und lachte sich krumm und schief, wenn ein Kramperl durch den zuvor konsumierten Alkohol stolperte oder Namen vergaß.
Als ich ca 11 Jahre alt war, durfte ich das erste Mal selbst als Krampus gehen, meine Tante war der Nikolaus. Obwohl ich ein sehr schüchternes Mädchen war, blühte ich unter der stickigen Maske, den schweren Ketten und dem langen Fell auf und niemand erkannte mich.
Am Abschluss dieses Tages, wollten wir noch den Nachbarn meiner Tante erschrecken, der hatte keine Ahnung dass ich da verkleidet war.
Er hatte ziemliche Angst vor mir, und ich machte mir einen riesigen Spass daraus, ihm immer wieder um den Hof zu jagen, meine Rute stets bereit zum Hieb gegen die Beine.
Als meine Tante und ich genug gelacht hatten, zogen wir unsere Masken ab und schauten in ein sehr verdattertes Gesicht. Als "kleine Aufmerksamkeit " und wie es halt so üblich war, wurden wir auf ein Getränk zum Dank eingeladen.
Wir setzten uns in die Küche und der Gastgeber kam mit zwei vollen Gläsern dunkler Flüssigkeit zurück. Ich vermutete Cola, und nahm einen grossen Schluck. Sehr zu meiner Enttäuschung, schmeckte das Zeug wie Feuer und benebelte mir sofort das Gehirn. Auch meine Tante hatte ein großes Cola Rum (Mischung halb halb) bekommen.
Dass ich noch keine 12 Jahre alt war, war ihnen anscheinend egal, denn weder meine Tante noch ihr Nachbar nahmen mich zur Kenntnis, obwohl beide wussten, dass da viel Alkohol im Spiel war.
Ohne Maske war ich wieder die schüchterne, kleine Doris, der beigebracht wurde, niemals etwas abzulehnen oder gar stehen zu lassen, wenn ein Erwachsener es ihr gab.
Also trank ich dieses 0,3 Glas in grossen Schlucken leer, genauso wie meine Tante.
Als wir fertig waren, konnte ich kaum geradeaus sehen, geschweige denn gehen. Mehr torkelnd als laufend begab ich mich zum Auto, und meine Tante fuhr mich heim.
Als ich zuhause war, erzählte meine Tante ihrer Schwester, meiner Mutter, dass ich Alkohol bekommen hätte. Ihr machte das scheinbar nichts aus, an eine Strafe oder eine Predigt kann ich mich nicht erinnern.
Ich ging ins Bett, und alles drehte sich. Dreimal musste ich mich in dieser Nacht übergeben, und der einzige, der einen Kommentar dazu abgegeben hat, war mein Vater.
"Der Trottl kann meinem Mädi jo kan Rum geben " ! Konsequenzen für meine Tante oder den Nachbarn gab es keine, dann hätte man ja sein Kind einmal gegenüber anderen beschützen müssen!
Am nächsten Tag hatte ich einen gewaltigen Brand - einen Kater. Es wurde noch oft darüber geredet, dass ich ja so lustig war als Krampus. Dass der Gute Schuld an meinem ersten Rausch war, wurde nie wieder kommentiert.
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