Der Anfang vom Ende

3 Jahre waren wir ein Paar, dass sich meistens nur am Wochenende sah.
Somit konnte ich gut verstecken,  dass aus der geteilten Flasche Wein pro Tag  mit Mama unter der Woche, eine ganze pro Tag für mich wurde. Ich verschlief nie, war noch immer wahnsinnig dünn und hatte meine Abteilung im Griff. Somit machte ich mir noch keine Gedanken über ein mögliches Suchtverhalten. Alkoholiker waren in meiner Welt das Ebenbild meines Vaters: Bierbauch, rote Äderchen und aufgequollene Backen. Wie sehr hab ich mich da geirrt.

Nach den 3 Jahren wollte mein Freund mit mir zusammenziehen.  Ich zögerte erst, da für ihn klar war, dass ich zu ihm ziehen sollte und er da auch absolut keine Kompromisse eingehen wollte. Er hatte eine Haushälfte am Grundstück seiner Eltern geerbt, und für ihn kam es nicht in Frage, diese zu verlassen.  Da ich ihn nicht verlieren wollte, und ich bis dahin mit seinen Eltern auch ein gutes Verhältnis hatte, stimmte ich zu. Ich weiss noch, dass ich die Nacht davor in meinem Kinderzimmer geweint hatte.
Ich hatte in der Zwischenzeit auch eine Beförderung bekommen, und war jetzt für 14 Abteilungen in ganz Niederösterreich und Wien zuständig. Äußerlich war ich noch immer die gute Schauspielerin, innerlich zerfraßen mich langsam die Selbstzweifel und die Depression.  Die hatte ich leider, auch wenn ich verliebt war, behalten.
Der Job laugte mich aus, das Zusammenwohnen mit meinem Freund gestaltete sich als schwierig, da immer und überall seine Eltern anwesend waren. Egal ob ich Wäsche aufhing,  den Müll rausbrachte, in der Sonne lag, jedes Mal bekam ich einen "gut gemeinten " Ratschlag der Eltern. Ich war zu schüchtern, um mich durchzusetzen,  und fühlte mich deshalb  nie wohl zu Hause, da ich immer Angst hatte, einen Fehler zu machen. Mein Freund war keine grosse Hilfe, er war Mamas Liebling und somit immer auf ihrer Seite, wenn ich mich bei ihm zum hundertsten Mal beschwerte, dass seine Mutter meine Wäsche abgenommen und  "richtig" wieder aufgehängt hat. Noch dazu war unser Sexleben eingeschlafen.  Kurz nachdem ich zu ihm zog, beichtete er mir, dass er pornosüchtig wäre, und das der Grund sei, warum ihm sexuell einfach gar nichts anmachte.  Ich war erleichtert,  denn bis es zu diesem Geständnis kam, lag ich oft mehrmals die Woche weinend neben ihm im Bett, wenn er mich wieder abblitzen ließ. Ich bezog das auf mich, dass ich ihm nicht schön genug sei. Er bestritt das natürlich und sagte, dass es nicht an mir lag, aber bis zu seinem Geständnis glaubte ich ihm das nicht. (Welche Frau würde das auch?)

Auch konnte ich meinen täglichen Alkoholkonsum,  der noch immer bei einer Flasche Wein lag,  nicht mehr so gut vor ihm verstecken, da wir uns ja ein Haus teilten. Also fing ich an zu tricksen.  Sobald ich zuhause war ( ich kam immer vor ihm nachhause) , trank ich meine Flasche und putzte mir wie blöde die Zähne. Wenn er dann kam, trank ich "nur" ein Glas zum Abendessen. Die leeren Flaschen versteckte ich in einem Wandschrank mit Putzzeug, da der Haushalt meine Angelegenheit war, wurden die nie von ihm entdeckt. 
Psychisch war ich definitiv schon abhängig, körperlich merkte man es mir aber absolut nicht an. Nach einem Jahr als Regionalbetreuung kündigte ich. Ich weinte jeden Abend vor Stress und Angst, am nächsten Tag wieder arbeiten zu gehen. Ich war 3 Monate arbeitslos,  bis ich was neues fand. Diese Zeit war unbeschreiblich schön, vor allem, da ich trinken konnte so viel ich wollte, oft schon ab Mittags.

An einem Tag im August war eine grosse Familienfeier bei meinem Freund im Garten geplant. Ich hasste diese Feiern, da ich mit 24 Jahren am Kindertisch sitzen musste und nur die Männer Alkohol bekamen. Ich hätte mich niemals fragen trauen, ob ich auch ein Glas Wein bekommen dürfte, die Augen der Schwiegermutter mit ihren ungefragten Tips und Ratschlägen - oder auch Vorwürfen- waren überall.
Also kaufte ich mir am Tag davor eine Flasche Schnaps und versteckte sie in meinem Kleiderschrank.  Während der Feier entschuldigte ich mich auf die Toilette,  dabei nippte ich jedesmal etwas an der Flasche. Mein Freund wollte sich einen Pullover holen und erwischte mich prompt mit der Flasche im Mund.
Nach der Feier schrie er mich heftig an, ob ich nicht genug Wein trinken würde und jetzt auch noch Schnaps! ( Er wusste nach wie vor nur von dem täglichen  "Glas" Wein am Abend zum Essen. ) Ich fing zu weinen an und bat das erste Mal um Hilfe. Ich wusste, dass ich zu viel trank, aber ich war so traurig und leer ohne den Alkohol! Er versprach mich zu unterstützen.  Ab da verzichtete ich auf das Glas Wein mit ihm abends, und er dachte, ich hätte damit aufgehört.  Die leeren Weinflaschen, die ich immer noch trank, bis er nachhause kam, fand er nicht.
Ein paar Wochen später sagte er, dass er froh ist, dass ich aufgehört hätte, denn mit einer Schnapsdrossel würde er nicht zusammensein wollen und er hätte mich auf die Strasse gesetzt.  Ab da war ich ständig auf der Hut und nervös. Ich wollte nicht, dass mich meine grosse Liebe verlässt. Aber ohne meine zweite, und sehr viel stärkere Liebe - dem Alkohol- KONNTE ich nicht mehr leben.
Somit wuchs das Lügengewächs immer weiter.
Jetzt im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er wusste, dass ich weitertrank. Aber er sprach mich nie wieder darauf an, sondern ignorierte es bravös. Co- Abhängigkeit on point.

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