Kindheit

Ich wurde in einem kleinen heimeligen Dorf in Österreich geboren. So eines, wo jeder jeden kennt und man innerhalb von Minuten alles über seine Dorfgemeinschaft erfährt,  ob derjenige das will oder nicht.

Ich bin das zweite Kind, meine Schwester ist sechs Jahre zuvor zur Welt gekommen.

Meine Eltern waren 6 Jahre verheiratet, als ich geboren wurde, aber von gegenseitiger Liebe für den  jeweils anderen Ehepartner ( falls es die je gegeben hat), hab ich nichts mehr mitbekommen.  Seit meiner ersten Erinnerung, hassen sich meine Eltern. Nicht auf die schweigsame Art und Weise, bei uns zuhause flogen ziemlich jeden Tag die Fetzen. Der nächste Nachbar, der ca 1 km weiter wegwohnt, hätte sicher die Polizei gerufen, wenn er mal einen Tag keinen riesigen Streit und Beschimpfungen jeder Art gehört hätte.

Man muss dazu sagen, dass sich meine Eltern ( die noch immer verheiratet sind- warum auch immer) gegenseitig absolut nichts schenken.
Mein Vater war bzw ist ein schwerer Alkoholiker, bei meiner Geburt war meine Mutter allein, er feierte lieber in seinem Stammlokal mit ein, zwei, drei, vier, fünf Gläsern Wein die Ankunft seiner Tochter.

Meine Mutter ist zwar keine Süchtige, aber sie hat dafür eine erhebliche Neigung zu Narzissmus. Ein klares Dreamteam die beiden, jedenfalls für einen echten Thriller.

Wir hatten nie sehr viel Geld, waren zum Beispiel nie im Urlaub, trotzdem muss ich sagen, dass meine Schwester und ich immer gut gekleidet waren, genug zu essen hatten, zu Ausflügen durften usw. Aber eins fehlte uns immer.
Und das war die Liebe unserer Eltern.
Weder mein Vater, der uns nur Liebe schenken konnte, wenn er genug intus hatte, noch meine Mutter, von der wir noch nie umarmt wurden oder ein "Ich hab dich lieb" gehört hatten. Also kurz gesagt : marteriell waren wir gut versorgt, seelisch kamen wir zu kurz.

Da mein Vater eben Alkoholiker ist, war Alkohol bei uns immer präsent. Auch wenn es noch so negativ belastet war in unserer Familie, für mich als Kind lernte ich, dass Alkohol dazugehört. Mein Papa war sehr depressiv,  wenn er nichts trank ( also kurz vor 8 Uhr morgens.) Kam er dann von seinem täglichen Vormittagsbesuch beim Wirten heim, war er der lustige, nette Papa, mit dem man gut spielen konnte und der einem zuhörte. Kurz nach dem Mittagessen kam das nächste Tief (der Entzug.) Da war dann wieder der depressive Vater am Start, der nichts redete und wenn, dann nur darüber, wie sehr er sein Leben hasste. Der zweite Wirtshausbesuch endete dann immer überraschend. Entweder er hatte genug getrunken, um wieder der liebe Papa zu sein, oder er hatte zu viel erwischt. Wenn das der Fall war, wurde er zu einem bösen, egoistischen, streitsuchenden Mann.
Das kam meiner Mutter dann immer zugute, denn dann konnten sie so richtig übel streiten, und sie fühlte sich danach als Opfer. Wir Kinder hielten dann zur Mama ( obwohl sie absolut kein Lämmchen ist), da wir vor unserem Papa Angst hatten. 

Als ich 5 war, hat er drei Jahre ohne Alkohol durchgehalten. Aber leider war das nicht das Ende des bösen Spieles, meine Mutter machte ihm trotzdem das Leben zur Hölle, nur waren halt dann andere Dinge Schuld als sein Alkoholkonsum. 

Meine Mama hasst meinen Vater bis auf das Letzte. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mir oder meiner Schwester gegenüber jemals ein gutes Wort über ihn gesagt hätte, geschweige denn von Liebesbekundungen. 

Seit kurzer Zeit weiß ich, dass meine Mutter narzisstisch veranlagt ist. Viele Bücher und Therapiegespräche haben mich zu der Annahme gebracht, denn meine Mutter selbst würde niemals in Therapie gehen. (Narzissmus halt.)
Sie hat immer geschaut, dass wir alles Materielle hatten, dass wir immer etwas Warmes zu Essen hatten, gebadet und gestriegelt waren, aber mütterlicher Liebe hat man vergeblich gesucht. Ich kann mich an keinen Tag, ja, auch jetzt mit 30 Jahren, erinnern, wo sie mich nicht kritisiert hat.
Ich war gut in der Schule, hatte nie eine schlechtere Note als einen Zweier, aber auch das war ihr nicht genug. Wenn ich bei einem Test 98 von 100 Punkten hatte, war ihre 08/15 Antwort: Warum hast du nicht 100 Punkte?
Und so ging es bei jedem Thema, ich war ihr nie gut genug,  niemals. Ich habe nie gehört, dass ich etwas gut gemacht hätte, dass ich liebenswert war. Ich hatte nie das Gefühl gewollt zu sein,  ich denke bis heute, dass ich nur auf der Welt bin, weil es in den Kreisen meiner Eltern unerwünscht war, kein Kind zu bekommen.

All das soll keine Ausrede für meine spätere Alkoholsucht sein, aber ich bin mir sicher, dass es einer der vielen Gründe war, weshalb ich mich im Alkohol ertränken wollte.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das schlimmste Jahr meines Lebens Teil 2

Das schlimmste Jahr meines Lebens Teil 1

Der Zutritt zur Hölle